Milena Michiko Flasar
Oben Himmel, unten Erde
Wagenbach Verlag
978-3-8031-3353-3
26,00 Euro
Kodokushi nennt man in Japan das Versterben meist einsamer Menschen, deren Tod längere Zeit unbemerkt bleibt. Wird der Tod dann doch bemerkt, wird nach dem Abtransport der Leiche die Wohnung von einem professionellen Reinigungsteam gründlich aufgeräumt, gesäubert und desinfiziert.
Suzu, die Protagonistin des Romans, findet Arbeit in einem solchen Team. Sie selbst lebt einsam, glaubt, die Kontakte zu anderen nicht zu vermissen. Einziger fester Kontakt ist ihr Hamster, der sich jedoch in letzter Zeit auch zurückzieht.
Als Mitglied der Reinigungstruppe von Herrn Sakai hat sie nicht nur eine körperlich sehr anstrengende Arbeit zu verrichten, die beständige Konfrontation mit den „letzten Dingen“ bringt Suzu eher unbemerkt dazu, ihre Mitmenschen mit anderen Augen zu sehen und Kontakte aufzunehmen bzw. zuzulassen.
Bemerkens- und nachdenkenswert sind auch die von Herrn Sakai praktizierten Rituale und Regeln im Umgang mit den Toten und ihren Habseligkeiten.
Auch in Deutschland sterben immer wieder Menschen allein und einsam, ihr Tod bleibt einige Zeit unbemerkt. Milena Michiko Flasar erzählt in klaren, humorvollen und deutlichen Worten eine Geschichte, die dieses Thema sozusagen von hinten aufrollt. Die Protagonistin kommt durch ihre Arbeit zu für sie überraschenden Erkenntnissen im Hinblick auf die Bedeutung und Notwendigkeit sozialer Kontakte im Leben.
Arno Geiger
Das glückliche Geheimnis
Hanser Verlag
978-3-446-27617-8
25,00 Euro
„In den Müll kommt, was erledigt ist“, so ein Satz in Arno Geigers neuem Buch „Das glückliche Geheimnis“. Aber die Dinge im Müll sind für ihn nicht erledigt, im Gegenteil, er schöpft aus dem reichhaltigen Fundus. Er wird Papiermülltaucher.
Ein junger Mann fährt am Montagmorgen in aller Frühe durch Wien, in der Hoffnung, literarische Kleinode in diversen Papiercontainern zu finden. Und er findet welche. Ein Zauber scheint in den frühen Morgenstunden zu liegen, alle müssen zur Arbeit, er muss zu den Containern. Dies scheint schon genug Information zu sein, um das Buch anpreisen zu können.
Aber, es geht weiter...
Beute machen für das, was er noch nicht ist und was er sein möchte: Schriftsteller. Diesem einzigen Ziel ordnet er alles unter. Nur das seine Buchfindeaktionen und die anschließenden Reparaturen und Verkäufe auf dem Flohmarkt seine Zeit für das Schreiben schmälern. Aber es klappt nach langer Zeit: sein Buch „Es geht uns gut“ wird 2005 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Er führt seine Aktionen aber trotzdem fort: morgens mit dem Kopf im Container, abends im Fernsehen. Immer auf der Suche, mitunter auch verzweifelt, nach literarischen oder anderen Schätzen. Er findet auch mal eine „Klavierschule“ von 1770 oder sein eigenes Buch.
Parallel dazu erzählt er aus dem nicht verborgenen Teil seines Lebens: die Angst um den Zustand der Eltern, die schwierige Beziehung zu seiner Lebensgefährtin, die aufreibendem Reisen zu Lesungen und Vorträgen, aber meist viel vom „glücklichen Geheimnis“. Wenn er müde und verdreckt von seinen Streifzügen nach Hause kommt, scheinen Glücksmomente auf: möglicherweise weil er unerkannt entkommen ist oder weil er wunderbare Dinge gefunden und gerettet hat. In den frühen Jahren seiner Containeraktionen führt er die Dinge auch wieder dem Markt zu, er verkauft Bücher auf dem Flohmarkt. Seine Buchmachwerkstatt scheint beachtlich, er ist akribisch bemüht die Bücher wieder „schön“ zu machen.
Fünf Jahre nach seinem letzten Buch „Unter der Drachenwand“ erscheint nun dieser autobiografischer Roman. Wie auch in den zuvor erschienenen Büchern erzählt er in leichtem, mal verspieltem, mal sachlichem Ton. Sich selber immer auf die Schliche kommend, oft selbstironisch.
Irena Sola
Singe ich, tanzen die Berge
Hanser Verlag
978-3-98697-000-0
22,00 Euro
Dieser poetische Roman ist ursprünglich auf Katalanisch geschrieben und die junge, in Spanien viel beachtete Autorin, hat 2020 den europäischen Literaturpreis mit diesem Buch gewonnen. Daraufhin wurde „Singe ich, tanzen die Berge“ in zahlreiche Sprachen übersetzt: für alle, die kein Katalanisch lesen können, ein Glücksfall!
Die Handlung spielt in einem grenznahen Dorf in den Bergen Kataloniens, einer wilden Natur. Aus unterschiedlichen Perspektiven und Zeitebenen wird ein dichtes Netz von Geschichten gesponnen. Irene Solà lässt historische Personen zu Wort kommen, baut ihr Erzählen auf den Mythen der Menschen des Ortes auf. Besonders ist, dass die Autorin nicht davor zurückschreckt, eine Position zum Tod und dem Sterben zu beziehen und auch die Themen Schuld und Verdrängung behandelt. Trotzdem oder auch genau deswegen ist es das poetischste Buch, dass ich 2022 gelesen habe. Ein kurzes, kleines Buch über große Themen mit einem versöhnlichen, hoffnungsvollen Ende. Ein ästhetischer Schatz!
Olga Tokarczuk
Empusion
Kampa Verlag
978 -311-10044-7
26,00 Euro
Olga Tokarczuk hat ein neues Buch geschrieben. 2019 erhielt die damals in Deutschland noch eher unbekannte Autorin den Literaturnobelpreis. Dann wurde debattiert, ob sie überhaupt eine gute Schriftstellerin sei. Die Autorin und Übersetzerin Esther Kinsky lehnte es ab, nachdem sie Unrast übersetzt hatte und bevor der Preis verliehen wurde, weitere Bücher der polnischsprachigen Schriftstellerin ins Deutsche zu übersetzen.
Sie kritisierte die Sprache und die Art und Weise scharf, mit Versatzstücken aus der europäischen Kulturgeschichte zu arbeiten.
Genau das macht Olga Tokarczuk nun auch wieder in ihrem neuesten Buch: Empusion. Schon der Titel ist der griechischen Mythologie entlehnt. Empusen sind weibliche Schreckgestalten, gruselige Gespenster und gehören zur Göttin Hekate, Wächterin des Tores zwischen den Welten, der Weggabelungen und Kreuzungen. Die Empusen folgen ihr und erschrecken gerne Wandernde.
Soweit der Titel - die Geschichte selbst ist eine mutige und/oder dreiste Neufassung eines literarischen Meisterwerks des 20. Jahrhunderts - dem Zauberberg von Thomas Mann. Der junge Ingenieurstudent, der 1913 im Lungensanatorium um sein Leben ringt, heißt nicht Hans Castorp sondern Mieczylaw Woijnicz und Schauplatz ist nicht Davos sondern Göbersdorf in damals Niederschlesien. Dann geht es munter weiter, indem die Autorin mit Versatzstücken aus allen Genres, Epochen und Themengebieten jongliert. Ein wirklich wildes und dreistes Buch.
Wie so häufig bei den Büchern von Olga Tokarczuk empfiehlt sich zur Lektüre eine Prise Humor und die Haltung der Autorin zu teilen: auch alte weiße Männer, die den Olymp der europäischen Kulturgeschichte erklommen haben, können, müssen, sollen, dürfen kritisch beleuchtet werden - sogar von weiblichen Literaturnobelpreisträger*innen.
Natürlich gibt es in der Geschichte auch noch mehr Grusel, dichte Naturbeschreibungen und Morde.
Annika Büsing
Koller
Steidl Verlag
978-3-96999-196-1
20,00 Euro
„In den Müll kommt, was erledigt ist“, so ein Satz in Arno Geigers neuem Buch „Das glückliche Geheimnis“. Aber die Dinge im Müll sind für ihn nicht erledigt, im Gegenteil, er schöpft aus dem reichhaltigen Fundus. Er wird Papiermülltaucher.
Ein junger Mann fährt am Montagmorgen in aller Frühe durch Wien, in der Hoffnung, literarische Kleinode in diversen Papiercontainern zu finden. Und er findet welche. Ein Zauber scheint in den frühen Morgenstunden zu liegen, alle müssen zur Arbeit, er muss zu den Containern. Dies scheint schon genug Information zu sein, um das Buch anpreisen zu können.
Aber, es geht weiter...
Beute machen für das, was er noch nicht ist und was er sein möchte: Schriftsteller. Diesem einzigen Ziel ordnet er alles unter. Nur das seine Buchfindeaktionen und die anschließenden Reparaturen und Verkäufe auf dem Flohmarkt seine Zeit für das Schreiben schmälern. Aber es klappt nach langer Zeit: sein Buch „Es geht uns gut“ wird 2005 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Er führt seine Aktionen aber trotzdem fort: morgens mit dem Kopf im Container, abends im Fernsehen. Immer auf der Suche, mitunter auch verzweifelt, nach literarischen oder anderen Schätzen. Er findet auch mal eine „Klavierschule“ von 1770 oder sein eigenes Buch.
Parallel dazu erzählt er aus dem nicht verborgenen Teil seines Lebens: die Angst um den Zustand der Eltern, die schwierige Beziehung zu seiner Lebensgefährtin, die aufreibendem Reisen zu Lesungen und Vorträgen, aber meist viel vom „glücklichen Geheimnis“. Wenn er müde und verdreckt von seinen Streifzügen nach Hause kommt, scheinen Glücksmomente auf: möglicherweise weil er unerkannt entkommen ist oder weil er wunderbare Dinge gefunden und gerettet hat. In den frühen Jahren seiner Containeraktionen führt er die Dinge auch wieder dem Markt zu, er verkauft Bücher auf dem Flohmarkt. Seine Buchmachwerkstatt scheint beachtlich, er ist akribisch bemüht die Bücher wieder „schön“ zu machen.
Fünf Jahre nach seinem letzten Buch „Unter der Drachenwand“ erscheint nun dieser autobiografischer Roman. Wie auch in den zuvor erschienenen Büchern erzählt er in leichtem, mal verspieltem, mal sachlichem Ton. Sich selber immer auf die Schliche kommend, oft selbstironisch.
Behzad Karim Khani
Hund, Wolf, Schakal
Hanser Verlag
978-3-596-70881-9
15,00 Euro
Im arabisch geprägten Berlin Neukölln wachsen die beiden iranischen Jungs Saam und Niam in den 1990ern zu Männern heran. Sie sind nach der Ermordung ihrer Mutter nach Deutschland geflohen und versuchen sich auf ganz unterschiedliche Weise im Neuköllner Kiez durchzusetzen. Was tun, wenn die Gesetze der Straße gelten und Respekt durch Faustschläge und dicke Hose erkämpft wird? Man selber als junger Mann aber doch lieber persische Poesie liest, zärtliche Seiten hat und einfach nur will, dass der Vater sich nicht so einsam fühlt.
Behzad Karim Khani verbindet auf beeindruckende Art und Weise die brutalen mit den melancholischen Seiten seiner Protagonist:innen. Das alles in energiegeladener Sprache. Er wirft einen differenzierten, autobiographisch inspirierten Blick auf die 1990er in Berlin mit plastischen Figuren und viel Emotionalität. Ein aufregendes Debut!
Franziska Gäsler
Ewig Sommer
Kein & Aber
978-3-0369-6175-0
13,00 Euro
„Ewig Sommer“ spielt in nicht zu ferner Zukunft, in der nun auch die deutschen Wälder, wie jeden Sommer die australischen, großen Waldbränden zum Opfer fallen. Es gibt keine Jahreszeiten mehr und der Kurort, in dem die Protagonistin Iris ein Hotel von ihren Eltern geerbt hat, ist längst kein Ausflugsort mehr: die Katastrophe des Klimawandels ist viel zu nahe gerückt! Die Luft völlig verraucht, die Landschaft mit Ascheregen bedeckt und natürlich ist es viel, viel zu heiß. Allen ist klar, dass der Ort in nicht allzu langer Zeit von den Flammen vernichtet werden wird - und mit ihm die Geschichten und Erinnerungen der Menschen, die dort ihr Leben verbracht haben. Trotzdem hoffen alle auf den Regen. In dieser Eintönigkeit steht plötzlich eine Frau mit einem kleinen Kind auf der Matte des Hotels - die zwei sind scheinbar auf der Flucht. Iris nimmt sie im Hotel auf und in der Katastrophe entsteht eine Bindung zwischen den Dreien. Franziska Gänsler hat ein packendes, spannendes Buch geschrieben. Keine weiteren Spoiler. Also: selber lesen!
Martin Kordić
Jahre mit Martha
Fischer Verlag
978-3-596-70936-6
14,00 Euro
Jahre mit Martha begleitet einen empfindsamen Jungen aus dem bosnisch-kroatischen Gastarbeitermilieu beim Erwachsenwerden. Der aufstiegswillige Ich-Erzähler Željko, der Zeitungen aus Müllcontainern sammelt, um seinen Horizont zu erweitern und seine Geschwister zu beglücken, will „einer werden, den man nicht herumschieben kann“. Er trifft im Alter von 15 Jahren auf die 40-Jährige Professorin Martha, die eine Welt für ihn repräsentiert, von der er Teil sein will. Sie verlieben sich. Doch erst viele Jahre später beginnen sie eine ungewöhnliche und nicht nur sexuell aufregende Liebesbeziehung.
Verwoben in diese Handlung erzählt Martin Kordić auch die Geschichte von Klassenverhältnissen in Deutschland und ihrer Bedeutung für die eigne Selbstverortung. Er erzählt von institutionellem Rassismus, der nur bestimmte Plätze für Kinder aus migrantischen Familien vorsieht, vom Glück der Unterstützung und Hilfe durch Dritte und vom Unglück, den ein Klassen- oder Milieuwechsel mit sich bringen kann.
Er erzählt diese dicht geschriebene Geschichte in einer bildhaften und unaufgeregten Sprache, die einen Sog entfaltet, wie man ihn sich von einem Roman nur wünschen kann.
Kate Manne
Down Girl
Suhrkamp Verlag
978-3-518-29919-7
27,00 Euro
Die amerikanische Philosophin Kate Manne hat mit ihrem, zuerst 2017 in den USA erschienenen Buch, eine scharfe Analyse patriarchaler Ordnung und ihrer Gewaltförmigkeit vorgelegt. Die Lektüre des Buches kann vielleicht Licht in das Dunkel bringen, warum feministische Kämpfe auf der einen Seite teilweise erfolgreich erscheinen und es nun doch einen ganz deutlichen Meilenstein im Backlash gibt und die Gewalt gegen FLINTAs weltweit zunimmt. Das aktuellste erschütternde Ereignis ist die Entscheidung des Supreme Courts: Am Freitag den 24. Juni 2022 hat der US Supreme Court das 1973 erkämpfte Recht auf Schwangerschaftsabbrüche zurückgenommen und wer das Buch Down Girl gelesen hat, versteht auch die Logik hinter diesen Ereignissen.
Das patriarchale System ist sexistisch und das scharfe Schwert der patriarchalen Ordnung ist die Misogynie: der Hass auf Frauen. Manne bezeichnet die Misogynie als das Exekutivorgan der patriarchalen Ordnung. Es umfasst alle feindseligen gesellschaftlichen Kräfte, mit denen Frauen und Mädchen konfrontiert sind - gerade WEIL sie Frauen und Mädchen sind sowie die Kräfte, die die patriarchale Ordnung in Verbindung mit andern Herrschafts- und Benachteiligungssystemen äußern, die für die jeweilige Frauen oder Mädchengruppe gelten (Rassismus, Klassizismus, Transphobie, Homophobie etc.). Mit Hilfe der Misogynie, die sich in Femiziden, Amokläufen, Catcalling, Niedermachen und Verhöhnen äußert, wird die Abweichung vom weiblichen Rollenverhalten geahndet.
Die amerikanische Philosophin Kate Manne leitet ihre Argumentation anhand vieler Beispiele her, die sich hauptsächlich auf die USA oder Australien beziehen. Dennoch werden die Doppelstandards mit denen weibliches und männliches Verhalten durch Gesellschaft und Justiz bewerten werden deutlich, denn Manne beschreibt ein globales Phänomen in dem ihre Analysetools universell anwendbar sind. Ihr gelingt es, das Prinzip zu verdeutlichen - Unterscheidungsmerkmal ist lediglich der Grad der misogynen Gewalt.
Ihre Analyse ist absolut lesenswert und bietet den ein oder anderen Aha-Moment auch für die feministisch-theoriefeste Leser*in. Das Buch ist ebenfalls empfehlenswert für Personen, die sich von gut strukturierten theoretischen Texten nicht abschrecken lassen und sich eine weitere Ebene der feministischen Analyse eröffnen wollen.
Marlene Streeruwitz
Handbuch gegen den Krieg
Fischer Verlag
978-3-596-71067-6
16,00 Euro
Die Bilder, die wir zu sehen bekommen, zeigen „Menschen im Krieg“ – die immer gleichen, radikal gesetzten Szenen: Männer, die kämpfen und Frauen, Alte und Kinder die fliehen, die vor den Trümmern ihrer zerstörten Häuser weinen und Versorgungsarbeiten leisten. Wer Auseinandersetzung umfassenderer Art sucht, findet sie im „Handbuch gegen den Krieg“ von Marlene Streeruwitz – es kommt zur rechten Zeit.
Erschienen ist das Buch zur Abwechslung in der „Bibliothek des Alltags“ des kleinen österreichischen bahoe books Verlags, obwohl Streeruwitz‘ Hausverlag eigentlich der S.Fischer Verlag ist. Das kritische, nachdenkliche und mehrdimensionale Buch passt jedenfalls sehr gut in das feine Verlagsensemble des Bahoe Verlags. Ein schmaler Band mit einem Umfang von 79 Seiten. Dies sollte selbst für Nichtvielleser_innen machbar sein.
Es sind 33 kürzere und längere Beiträge zum Krieg – kurze Sätze und eine klare Sprache zeichnen die Texte aus. Der erste Beitrag beginnt mit der Überschrift:
„Krieg. Und. Alles ist falsch.“ „Denn Krieg ist gemacht. Krieg ist kein Naturereignis. Krieg ist eine sorgfältig konstruierte Maschine der Gewalt“ (S.5).
In den Titeln der jeweiligen Beiträge verdeutlicht sich die komplexe Sicht auf all das, was Krieg bedeutet: Krieg als Bühne, Krieg als Handel mit Leben und Tod. Krieg ist die allwissende Erzählung von der Zerstörung. Krieg ist Unterhaltung. Krieg ist Industrie. Krieg ist das letzte Abenteuer. Krieg ist die Institution des Rassistischen. Krieg ist ein Produktionsmittel. Krieg ist die Grammatik der Mächtigen. Krieg ersetzt Vernunft durch Gefühle.
Es sind universelle Fragen zum Krieg, aber die jetzige Situation dient als aktuelles Bezugsmoment. Es sind Machtstrukturen, deren Ursachen Streeruwitz zu fassen versucht.
Marlene Streeruwitz beschreibt diese Strukturen als Machtverteilung in einer patriarchalen Gesellschaftsordnung, in der die bis heute unangefochtene Ordnung das „Männliche“ ist. Aus dieser sehr differenzierten und klaren Sicht bleibt nach der Lektüre die Erkenntnis, dass Krieg eine extreme Herstellung der patriarchalen Ordnung ist.
Dieser kleine Band ist unbedingt lesenswert und hilfreich für die Diskussion über die aktuelle politische Situation.
Katharina Adler
Igelhaut
Suhrkamp Verlag
978-3-499-00695-1
14,00 Euro
Katharina Adler – 1980 in München geboren – hat einen neuen Roman geschrieben. Er spielt in einem Münchner Mietshaus. Dort entfaltet sie ein schönes Kaleidoskop zusammen gewürfelter Menschen, die in irgendeiner Weise miteinander zurechtkommen müssen.
Da ist die Hauptfigur: Frau Iglhaut. Eine eher zurückhaltende Person, der es am liebsten wäre, alle blieben in ihrem Bereich und schauten nicht neugierig oder kommentierend auf ihre Nachbar_innen und da sind die Anderen: Datingjunkies, Postkartensammler_innen, Marihuanazüchter_innen und Kreuzworträtselhauptpreisgewinner_innen, Handleser_innen: eine skurrile Hinterhofnachbarschaft.
Der Titel des Romans „Iglhaut“ fasst Charakter und Verfasstheit der Protagonistin zusammen: irgendwie stachelig, aber auch hautfreundlich. Die „Iglhaut“ hat eine Werkstatt, sie restauriert und repariert alles was mit Holz zu tun hat. Unfreiwillig wird sie zur Beobachterin und Ratgeberin aller Hausbewohner_innen. Und wie im Film „Das Fenster zum Hof“ bekommt sie – ohne dass sie das will – alles mit, was im Haus passiert. Begleitet wird sie von einem Hund namens „Kanzlerin“ – übrig geblieben vom Vorbesitzer.
Es sind Menschen die ihr Leben leben, ohne dass sie den Modellen „Ich bin wer, oder ich werde wer sein“ entsprechen. Sie tauschen, tratschen, schauen auf ihren Vorteil und blicken mit Empathie auf die anderen. Es prallen unterschiedlichste Sprachmilieus aufeinander. Mitunter etwas „chatschnell“, aber interessant.
Die Figur, die Katharina Adler geschaffen hat, überzeugt durch die Sturheit in ihren Überzeugungen mit der sie sich durchs Leben schlägt. Die Liebe und das Geschäft sind eher das marode Holz in ihrem Leben.
Der Roman ist zum einen wegen der so lebendig erzählten Frauenfigur lesenswert. Zum anderen ist das Zusammenhalten von Menschen in prekären Situationen wunderbar beschrieben: Niemand wendet sich ab, es geht eben auch zusammen.
Damit steht dieser Roman gegen Individualisierung und Ausgrenzung, aber auch für Parteilichkeit in Gewaltverhältnissen.
Mely Kiyak
Werden sie uns mit FlixBus deportieren?
Carl Hanser
978-3-446-27275-0
22,00 Euro
In Mely Kiyaks neuem Buch „Werden sie uns mit FlixBus deportieren?“ erfahrt ihr, dass sie „nicht Kilak, Kelek, Kikak, auch nicht Kijak, Küjak, Kajak, sondern K I Y A K“ heißt. Ob Mely Kiyak als „berühmte Zeitungskommunistin“ gut leben kann, warum sie Deutschland nicht hasst, aber findet dass Beate Zschäpe ihr ähnlich sieht.
Die Beobachtung einer Gerichtsreporterin, „dass Beate Zschäpes rosafarbenes Brillenetui so gar nicht zu den Tatvorwürfen, dem Erschießen von Türken, passen würde“ findet sie skurril. Wann begreife Deutschland, dass auch „lieb aussehende Menschen schreckliche Dinge tun können“? Andi Scheuer von der CSU habe einmal gesagt, dass „neben einer Willkommenskultur auch eine ‚Verabschiedungskultur‘“ gefordert werden sollte. Kiyak fragt, warum denn eigentlich nie über die deutsche „Anzündungskultur“ geredet wird? „Über die Brandstiftungskultur? Das kommt alles noch von der Rassentheoriekultur. Von der Vergasungs- und Vergessenskultur bei gleichzeitiger Gedenkkultur mit anschließender Denkmalerrichtungskultur. Dann die Nie-wieder-Parolenkultur.“ Und Russia Today sendet live von Pegida-Demonstrationen und spricht über Flüchtlinge als „bakteriologische Bomben“.
Kurz: Mely Kiyak erfasst den Kern der deutschen Gesellschaft in ihren Theaterkolumnen, die sie mit „Null Selbstkritik, bisschen Klatsch und etwas Spaltung der Gesellschaft“ sowie mit einem barocken „Abgang unter strikter Vermeidung von ‚versöhnlichen Tönen‘“ in ihrem neuen Buch umrandet.
Mely Kiyak hat sich die Mühe gemacht ihre Theaterkolumnen für die Leser:innenschaft neu zu „kuratieren und editieren“. Wir bekommen einen Eindruck, wie es ist, sich rumschlagen zu müssen mit Morddrohungen von rechts, fiesen AFD-Anfragen, und wie das ist, wenn das ganze Leben „eine Spielzeit“ ist.
Meisterhaft betrachtet Mely Kiyak die Welt, die literarische, die politische, und ihre eigene. Wie bekommt sie das hin, neben all dem Desaströsen den Witz nicht zu verlieren, sondern – im Gegenteil – ihn reichlich zu versprühen?
Edgar Selge
Hast du uns endlich gefunden
Rowohlt Verlag
978-3-498-00122-3
24,00 Euro
Seit Christian Berkel seine familienbiografischen Romane „Der Apfelbaum“ und „ADA“ veröffentlicht hat, steht fest: auch Schauspieler schreiben gute Literatur.
Der Titel des Buches „ Hast du uns endlich gefunden“ ist Teil einer Traumsequenz. Eines Traumes, den der Erzähler von seiner Kindheit träumt. Edgar Selge erzählt von seiner eigenen Kindheit. Er schlüpft in die Rolle des 12-jährigen Edgars. Das schafft einerseits Nähe und andererseits Distanz. So entstehen Innen- und Außenansichten einer Familie:
eine Kleinstadt im Westfälischen, der Vater Gefängnisdirektor und Musikliebhaber, der sein Klavier liebt, Bach und Beethoven. Die Mutter bringt fünf Söhne zur Welt und hätte eigentlich lieber nicht geheiratet. Die ganze Familie ist durchdrungen von der Liebe zur Musik – leider spielt Mutter so schlecht Geige.
Es sind die 60er Jahre, der Krieg ist noch nicht lange vorbei, der „Zusammenbruch des Landes“ komplett, „der Nationalstolz im Eimer“, die einen erinnern sich so, die anderen so.
Die Eltern wissen sehr gut zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden. Das richtet sich oft gegen den Jungen, der mitunter lügt oder Geld klaut. Die Eltern sagen, dass sie nie wissen, „was es mit ihm auf sich hat“. Die Form der Bestrafung für diverse Vergehen ist stets der Rohrstock. Mit Genauigkeit wird über diese „Züchtigungen“ berichtet. Die Demütigung des Verprügeltwerdens, der Selbsthass, diesen Menschen zu lieben – trotz der erfahrenen Gewalt aus seiner Hand. Es erscheint der Leser_in, als ob der heutige Edgar liebevoll auf den jungen Edgar schaut und ihn ermuntert durchzuhalten.
Immer wieder der Versuch des Entrinnens zwischen Lüge und List. Wenn man sich an die eigene Kindheit erinnert, weiß man, dass das selten gelingt.
Die Erinnerung an den geschundenen Körper ist sehr präsent.
Indem Selge hin und her schwebt zwischen drinnen und draußen - die Blickwinkel ändern sich schnell - entsteht ein komplexes Bild dieser Nachkriegsgeneration. Es entsteht ein Bild von dem, was heute Transgenerationalität genannt wird. Die Weitergabe von Erfahrungen, Traumatisierungen und Schuld wird deutlich.
Dieses Buch reiht sich nicht ein in die üblichen „Als ich geboren wurde…“ Romane, sondern es verdichtet die deutsche Nachkriegszeit in vollendeter Weise mit der zuschauenden Art eines 12-jährigen Jungen. Das Buch folgt keiner chronologischen Ordnung. Die Leser_innen erwartet ein wunderbar komponiertes Buch, das sich im Grunde auf sehr wenige Szenen beschränkt.
Sasha Marianna Salzmann
Im Menschen muss alles herrlich sein
Suhrkamp Verlag
978-3-518-47274-3
14,00 Euro
Szenisches Schreiben, alle Sinne werden angesprochen, Multidimensionalität entsteht. Bildgewaltig. Nicht-lineares Erzählen. Wachheit beim Lesen erforderlich.
Aktualität und gesellschaftliche Relevanz
Salzmann macht Biografien von Menschen sichtbar, die in den Neunzigern aus Russland nach Deutschland gekommen sind. Sie liefert dabei detaillierte Innenansichten, und verhandelt so ganz nebenbei Fragen zu Identität und zu den Auswirkungen von gesellschaftlichem Verfall auf Frauen*. Alles mit queer-feministischem Grundton.
Stärken
Szenische Details, die ein sinnliches Leseerlebnis bringen, eine Intensität.
Melisa Broder
Muttermilch
Claassen Verlag
978-3-546-10006-9
24,00 Euro
Inhalt
Rachel hat eine Essstörung, sie zählt jede Kalorie und ist spindeldünn. Nun begegnet sie Miriam einer extrem dicken Verkäuferin in Rachels Lieblings-Frozen-Yogurt-Laden. Rachel ist hingerissen von dieser Frau – von ihrem Hunger, ihrem Körper und ihrer gesamten Familie. Melissa Broder nimmt die Leser*in mit auf einen wilden Ritt durch die Welten des jüdisch-orthodoxen Amerika, durch die Innenwelten einer Süchtigen und die ekstatischen Höhen satten Begehrens!
Stilistisches
Amerikanischer Stil zum Weglesen. Pointiert, roh, direkt.
Aktualität und gesellschaftliche Relevanz
Sichtbarmachen von Essstörung als Teil von Identität, aber nicht als absolutes Moment. Feiern von weiblicher Sexualität und Körpern. Bedeutsamkeit jüdisch-orthodoxer Prägung in den USA.
Julia Phillips
Das Verschwinden der Erde
dtv
978-3-423-14826-9
13,00 Euro
Inhalt
Die beiden Kinder Aljona und Sofija werden vermisst. Die Polizei auf der sibirischen Halbinsel Kamtschatka legt den ungelösten Fall zu den Akten. Dieses Unglück beeinflusst das Leben unterschiedlicher Frauen, die uns Julia Phillips näher bringt. All diesen Frauen ist gemeinsam, dass sie in der patriarchal geprägten und gespalteten sibirischen Welt klarkommen müssen.
Aktualität und gesellschaftliche Relevanz
Deutlich werden die Gegensätze mit denen Frauen in Kamtschatka konfrontiert sind: mit Frauenhass und der eigenen Ambition; mit der russischen Mehrheit und den indigenen Minderheiten; mit der spektakulären Natur der Tundra und den Betonwüsten der sibirischen Großstädte; mit alten Traditionen wie Jagd und dem Anspruch mit den Entwicklungen der Globalisierung mitzuhalten.
Stärken
Brilliante Erzählkonstruktion, die sowohl die Protagonist*innen einfühlsam portraitiert als auch die Verfasstheiten der sibirischen Gesellschaft erklärt.
Dilek Güngor
Vater und ich
Verbrecher Verlag
978-3-95732-492-4
19,00 Euro
Inhalt
Als Ipek noch klein war hatten sie und ihr Vater ein enges Verhältnis. Die erwachsene Ipek dagegen fühlt sich ganz weit weg von ihm. Als ihre Mutter mit ihren Freundinnen zum Wellness-Urlaub aufbricht, reist Ipek nach Hause und verbringt das Wochenende mit ihrem Vater. Schafft sie es, die Distanz zwischen sich und ihrem Vater zu überwinden?
Stilistisches
Autofiktional. Kurze, klare Sätze, an Annie Ernaux erinnernd. Viele Dialoge. Leicht zu lesende, chronologische Erzählweise, Humorvoll und rührend.
Aktualität und gesellschaftliche Relevanz
Thematisiert die geschlechtsspezifische Sozialisation von Mädchen und das Auflehnen dagegen. Wie umgehen mit intergenerationaler Sprachlosigkeit? Fokus auf gesellschaftlichen Aufstieg von Kindern und Entfremdungsprozesse.
Stärken
Erzählen von Mehrsprachigkeit und Mehrkulturalität so nebenbei! Zwischenmenschlich-herzliches und gesellschaftlich-hierarchisches aus einem Erzählguss.
Anne Gröger
Hey, ich bin der kleine Tod
dtv
978-3-423-76347-9
13,00 Euro
Sterben und Tod sind oft noch ein Tabu in unserer Gesellschaft, gerade im Umgang mit Kindern und Jugendlichen. Dabei beschäftigen diese Themen auch die Jüngeren.
Anne Gröger ist es nun mit ihrem Buch „Hey, ich bin der kleine Tod“ hervorragend gelungen, sich dieser Themen anzunehmen.
Der elfjährige Samuel hat aufgrund einer seltenen Autoimmunerkrankung die längste Zeit seines Lebens im Krankenhaus verbracht. Er ist Experte in Bezug auf Viren und Bakterien, Desinfektionsmittel, Wiederbelebungen, seltene und schwere Erkrankungen und den Alltag im Krankenhaus. Samuel verfügt über äußerst wenig Lebenserfahrung außerhalb seines Krankenzimmers. Schule kennt er nur als Video-Einzel-Unterricht. So sieht er nach einer geglückten Stammzellentransplantation seiner Entlassung aus dem Krankenhaus äußerst skeptisch entgegen.
Und diese Skepsis ist berechtigt: denn hier erwartet ihn Frida, der kleine Tod mit Umhang und Sense. Sie kennt das Leben genau so wenig und möchte es mit Samuels Hilfe kennenlernen. Nur Samuel kann Frida in ihrer „Berufskleidung“ sehen, für alle anderen Menschen in seiner Umgebung ist sie einfach ein Mädchen.
Humorvoll und einfühlsam beschreibt Anne Gröger wie die beiden zusammen – lange gegen Samuels Willen – entdecken, was das Leben für elfjährige Kinder an Alltag und Abenteuer bereithält und wie verlockend das Leben ist.
Olga Grasnowa
Die Macht der Mehrsprachigkeit
Dudenverlag
978-3-411-75658-2
12,00 Euro
Olga Grjasnowa ist eine der wichtigsten Schriftstellerinnen der deutschen Literatur. Ihr viel beachtetes Debüt „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ (2012) wurde mit dem Anna-Seghers-Preis ausgezeichnet. In 2020 erschien ihr Roman „Der verlorene Sohn“.
Jetzt plädiert sie in dem Essayband „Die Macht der Mehrsprachigkeit“ für eine größere Akzeptanz von Mehrsprachigkeit und lädt die Leserin zum Perspektivwechsel ein: weg vom Mantra Deutschkenntnisse als wichtigstes Integrationsinstrument hin zur Förderung von Mehrsprachigkeit.
Es wird klar, dass manche Sprachen (Französisch) ein viel größeres Prestige haben als andere (Türkisch). Grjasnowa zeigt auf, dass diese Diskrepanz mit rassistischen Vorstellungen von Sprache und Herkunft zusammenhängt, aber auch mit der (mangelnden) Förderung von Mehrsprachigkeit. Grjasnowa selbst ist multilingual unterwegs: Im Jahr 1996 ist sie im Alter von elf Jahren mit ihrer Familie aus Aserbeidschan nach Deutschland ausgewandert. Sie schreibt: „Von da an wurde ich auf Deutsch sozialisiert, sodass ich das Deutsche heute um einiges besser beherrsche als meine russische Muttersprache. Die Muttersprache meiner Kinder ist Deutsch, auch wenn ich mit ihnen Russisch spreche und mein Mann Arabisch. Mit meinem Mann spreche ich Englisch – so fühlen wir uns am wohlsten.“
Die Grjasnowas haben keine gemeinsame Familiensprache und sind damit in Deutschland keine Ausnahme mehr. Überhaupt stellt Grjasnowa das Konzept der Muttersprache in Frage. Sie spricht lieber von A-, B- und C-Sprachen so wie es auch in der Dolmetscherei üblich ist.
Provokant fragt Grjasnowa: Warum sollte „Deutsch können“ und „Deutsch lernen“ das Non-Plus-Ultra sein in einer postmigrantischen Gesellschaft? Immer mehr Menschen sprechen in Deutschland mehr als eine Sprache. Geradezu fantastisch klingen ihre eigenen Erfahrungen und die Bedeutung des Hin- und Herwechselns zwischen den Sprachen. Sie habe manchmal den Eindruck, in jeder Sprache eine andere Persönlichkeit zu haben: „Auf Russisch bin ich witziger, auf Deutsch aufgeräumter, womöglich sogar sachlicher, und auf Englisch zwar eingeschränkt in meinen Ausdrucksmitteln, aber viel freier und entspannter, weil es kein Kampf war, die Sprache zu lernen, und weil mir niemand meine Fehler vorhält. Mit Tieren und Babys spreche ich, ohne nachzudenken, Russisch.“
In mehreren Essays wirft sie einen Blick auf Sprache und Sprachwechsel in der Literatur. Zu Nabokov schreibt sie: „Um Vladimir Nabokovs Meisterwerk, den Roman Ada oder das Verlangen zu verstehen, sollte man Englisch, Russisch und Französisch in Perfektion beherrschen. Das Buch wurde zwar auf Englisch geschrieben, ist aber voller russischer und französischer Wortspiele“.
Nach der Lektüre der Essays sollte der Leser*in klar geworden sein, dass die deutschen Schulen noch immer monolingual sind, sich an sogenannten „Prestige-Sprachen“ ausrichten und so der Mehrsprachigkeit in der postmigrantischen Gesellschaft hinterherhinken. Wegen mangelnder „Sprachkenntnisse“ wurde die Erfolgsautorin Grjasnowa als Kind mehrere Klassen zurückgestuft, als sie nach Deutschland kam. Diese „Beschämung“ sollte jedem multilingualem Kind erspart bleiben, so Grjasnowa.