23.05.2020

Monika Helfer : Die Bagage

Hanser - ISBN: 978-3-446-26562-2 Preis: 19 Euro


Der Inhalt des neuen Romans von Monika Helfer ist im Grunde schnell erzählt: Mit ihren Kindern leben Maria und Josef Moosbrugger im abgelegenen österreichischen Vorarlberg am Rande eines Dorfes. Sie sind die Armen, die wenig gelittenen – die Bagage. Es ist die Zeit des ersten Weltkriegs – 1914. Josef muss zur Armee, obwohl er den Krieg „nicht begrüßt“ hat. Maria bleibt mit den Kindern zurück und muss zusehen, wie sie ihre Kinder und sich durchbringt. Was sie besonders macht, ist ihre Schönheit. Von den Frauen argwöhnisch, von den Männern lüstern und lustvoll betrachtet.  Maria steht unter „dem Schutz“ des Bürgermeisters. Sie braucht ihn und sie fürchtet ihn. Maria lernt einen Georg aus Hannover kennen: er ist schön und spricht eine andere Sprache – hochdeutsch. Er klopft an die Türe der Bagage. Einige Wochen später ist Maria schwanger – schwanger mit Grete. Mit Grete wird der Vater nie ein einziges Wort sprechen.

Vor uns breitet sich das Drama des Dorfes aus. Atmosphärisch hat man immer das Gefühl, gleich passiert etwas Schreckliches. Und es passieren schreckliche Dinge: Maria wird verhöhnt, angeklagt, zur Hure abgestempelt. Das moralische Fallbeil ist allgegenwärtig.  Die weibliche Lebenswelt in all ihren mannigfaltigen Unterdrückungen tritt hervor. Sich der eigenen Familiengeschichte zu nähern, ist in „Die Bagage“ in ungewöhnlicher Form gelungen. Oft episodisch, fragmentarisch, skizzenhaft entsteht ein Bild mit Leerstellen. Aber so ist es ja oft, man weiß nicht alles von der Familie: „Darüber wurde nie gesprochen“. Gleichwohl gelingt Monika Helfer ein eindrucksvolles Bild der Familie Sie erzählt die Geschichte ihrer Großeltern und die Leserin bemerkt die Spuren, die dies in der Biografie der Autorin hinterlassen hat.

Dies sei hier nur ein Appetithappen für ein wirklich beeindruckendes Buch.