06.12.2019

Annie Ernaux : Eine Frau

Suhrkamp Verlag - ISBN: 978-3-518-22512-7 Preis: 18 Euro


Annie Ernaux, Superstar der zeitgenössischen französischen Literatur, erzählt in „Eine Frau“ die Lebensgeschichte ihrer Mutter.
Um die Jahrhundertwende wird die Mutter im ländlichen Frankreich ins bäuerlichen Milieu der Haute Normandie geboren. Sie besucht die Schule nur bis zu ihrem zwölften Lebensjahr, danach arbeitet sie in einer Margarinefabrik und entschließt sich später mutig, trotz schwieriger wirtschaftlicher Bedingungen, dazu ein eigenes Geschäft zu eröffnen. Durch die Augen der Tochter Annie gesehen, eng verwoben mit ihrer eigenen Geschichte, erscheint der soziale Aufstieg, zu dem ihre Mutter sie antreibt, als eine individuelle Geschichte.
Aber die virtuose Erzählkunst der Autorin, deren Figuren keine Namen sondern nur Rollen haben, lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass hier zwar eine ganz persönliche Auseinandersetzung stattfindet, diese aber exemplarisch ist: für Frauenleben in einem bestimmten Milieu im zwanzigsten Jahrhundert. Ernaux schreibt dazu: „Vor kurzem las ich in der Zeitung, „Verzweiflung ist ein Luxus“. Dass ich die Muße und das Geld habe, nach dem Tod meiner Mutter dieses Buch zu schreiben, ist zweifellos auch ein Luxus.“
Dieser Luxus - ein eigenes Zimmer und eigenes Geld - fußt, wie schon Virginia Woolf in „ein eigenes Zimmer“ 1929 so treffend beschreibt, auf den Schultern vieler unbekannter Frauen, die weder Geld noch Muße hatten, sich den Luxus zu leisten, überhaupt literarisch schreiben zu können. Mit dem Denkmal, das die Autorin ihrer Mutter gesetzt hat, macht Annie Ernaux das Leben dieser Frauen - hier das ihrer eigenen Mutter -  sichtbar.  Annie Ernaux schrieb das Buch bereits 1986, kurz nach dem Tod ihrer Mutter. Es erschien 1987 in Frankreich und wurde 2019 zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt.