22.05.2019

Éric Vuillard: 14. Juli

Matthes & Seitz– ISBN: 978-3-95757-519-7 Preis: 18,00 Euro


Der 27.April 1789 ist der Beginn des Aufstandes der Leute in Paris. In ganz Frankreich gab es Hungersnöte, die Menschen verreckten. Das Anwesen des Industriellen Reveillon, die Folie Titon, wird gestürmt und  auseinandergenommen. „Da ist sie also, die folie, die Folie Titon, wo sich die Arbeit in Gold verwandelt, wo das ausgelaugte Leben zu Zuckerwerk wird, ...“ Reveillon war der Besitzer der Königlichen Tapetenmanufaktur und hatte eine Senkung der Löhne von 20 Sous auf 15 Sous pro Tag gefordert. Zur gleichen Zeit verlangt der König Steuererhöhungen.
Die Kavallerie geht mit Säbeln und Gewehren gegen die aufständische Menge vor. „Man spricht von über dreihundert Toten und ebenso vielen Verletzten“.
Das zerstörte Inventar der Folie Titon wird akribisch aufgelistet.
„Die Anzahl der Toten unter den Einwohnern des Faubourg hingegen bleibt vage und unbestimmt.“
Am 17. Juni erklärt sich der Dritte Stand zur Nationalversamm- lung. Der König in Versailles zeigt sich gesprächsbereit, gleichzeitig werden Söldnertruppen in Richtung Paris zusammengezogen.
Es herrscht Aufregung in den Vierteln von Paris, in allen volkstümlichen Vierteln gärt es. Man debattiert, streitet, redet.
Am 12. Juli erreichen die Demonstranten die Tuilerien. Ein Regiment geht gegen die Menge vor. „Zu ihrer Verteidigung improvisieren die Leute Barrikaden aus Stühlen, bewaffnen sich mit Stöcken und Steinen, und so beginnt die Intifada der kleinen Händler, der Handwerker von Paris, der armen Kinder.“ Damals wie heute, zeitlos ist die Form des Aufstands der Mittellosen. An diesem Tag gibt es einen Umschwung. Die Gardes francaises schließen sich den Aufständischen an. Sie wollen nicht auf ihre Brüder, Schwestern, Freunde schießen. Als nächstes werden die Zollhäuser, die Paris wie einen Ring umschließen, angezündet. Die Menschen ziehen weiter und suchen nach Waffen: In Pfandhäusern, in der königlichen Möbel- und Gerätekammer, im Waffensaal, dem königlichen Museum. Die Läden der Waffenhändler werden gestürmt, auch die Requisiten aus den Theatern lassen sich umfunktionieren. Wie in einem Strudel wird die Leserin mitgerissen, minutiös, scheint es, werden die Abläufe geschildert. In der Nacht vom 13. auf den 14. Juli wird der Amtssitz des Polizeileutnants überfallen, aus „La Force“, dem Untersuchungsgefängnis, werden Schuldhäftlinge befreit.
Zerlumpte Männer stürmen das Haus der „Lazaristen“, einem katholischen Männerorden im Dienst an den Armen von Paris.
„Mit Barmherzigkeit ist es künftig nicht mehr getan“
Im Morgengrauen des 14. Juli zieht man Richtung Hotel des Invalides, wo dreißigtausend Gewehre erbeutet werden.
Das dazugehörige Schießpulver hatten die Machthaber in der Nacht vom Arsenal in die Festung Bastille bringen lassen.
Die Aufständischen strömen zur Bastille. „Die Dinge müssen von der namenlosen Menge aus betrachtet werden. Und man muß erzählen, was nicht geschrieben steht.“
„... nur nicht aufhören, nennen und benennen wir sie, erinnern wir an die Hungerleider, die Langhaarigen, die großen Zinken, die schielenden Jungs, an alle.“
Männernamen, die aus der Zeit überliefert sind, werden in einer langen Liste aufgezählt.
Von den Frauen gibt es nicht so viele überlieferte Eigennamen, deshalb werden sie über ihre Berufe, ihre Tätigkeiten sichtbar gemacht: Warenanpreiserinnen, Näherinnen, Arbeiterinnen, Schleiferinnen, Stuhlvermieterinnen, Ausruferinnen von alten Hüten, Fischverkäuferinnen, Spazierstockverkäuferinnen...,
Verkäuferinnen von allem.“
„Und wie viele gibt es noch, deren Namen dem Vergessen anheimgefallen sind? Niemand weiß es. Niemand kennt sie. Dabei gibt es ohne sie keine Menge, keine Masse, keine Bastille.“
Viele Quellen gibt es, Augenzeugenberichte, die Vuillard ans Licht holt: Cholat, der Weinhändler; Jean Rossignol, ein kleiner Arbeiter  und Goldschmied; der Stellmacher Louis Tournay. Jean Arnaud Pannetier hinterlässt eine kleine Beschreibung seines Tages, dem 14.Juli 1789, an dem er bei der Überwindung der ersten Mauer der Bastille derjenige ist, der die Räuberleiter macht.
Man muss auf die Türme der Bastille, um der Kanonen, die auf die Menge gerichtet sind, habhaft zu werden.
Beim Sturm auf die Bastille sind in der Menge die Menschen zu  sehen, die der Trostlosigkeit der Knechtschaft entfliehen wollen, die, während sie kämpfen, die Vorstellung von einem freieren Leben aufblitzen sehen. Als die Bastille eingenommen ist, drängen sich die Leute aus den Vorstädten und aus der Umgebung ins Zentrum der Stadt. „Ein unermesslicher Jubel bemächtigte sich der Stadt. Es wurde getanzt, gesungen und gelacht. Die Augenzeugenberichte sprechen von einer wahnwitzigen, ungezügelten, noch nie dagewesenen Stimmung. Pure Freude.“
Die beeindruckenden Schilderungen Vuillards, die Perspektive aus der Menge heraus, sind grandios.
Das neue Buch von Eric Vuillard „La guerre des pauvres“ spielt zu Zeiten von Thomas Müntzer. Hoffentlich wird die deutsche Übersetzung bald zu bekommen sein.