30.10.2016

Jane Gardam: Ein untadeliger Mann

Verlag: Hanser - ISBN: 978-3-446-24924-0 - Preis: 22,90 EUR


Jane Gardam: Ein untadeliger Mann

Wie kann es sein, dass Jane Gardam bisher noch nicht ins Deutsche übersetzt wurde? Der Hanser Verlag hat die inzwischen 86-jährige Britin zum Glück für die deutsche Leserschaft entdeckt und von Isabel Bogdan hervorragend übersetzen lassen. In Großbritianien gilt Ein untadeliger Mann als Gardams bekanntestes Buch. Im Original Old Filth - stellt den Anfang einer Art Trilogie über den Untergang des British Empire dar, indem Gardam nuanciert die Lebensgeschichte des Edward Feathers erzählt, einem jetzt alten Herren, "der mit seinen makellosen Anzügen, Einstecktüchern und Seidensocken wie aus der Zeit gefallen wirkt" (Daniel Schreiber). Feathers / Filth (Failed in London Try Hong Kong) hat sein Leben in der (ehemaligen) britischen Kolonie Hongkong verbracht, wurde dort zum Staranwalt im Baurecht, traf seine Ehefrau Betty. Nun im Ruhestand entscheiden sich die beiden zurück auf die Insel zu gehen. Gardam beginnt ihre Erzählung mit Filths Ruhestand in Dorset an der Südküste Englands. Nach und nach entblättert sie der Leserin sein bemerkenswertes Leben: geboren in der Kolonie British Malaya, seine Mutter verstarb bei seiner Geburt, sein kriegstraumatisierter Vater, der den fünfjährigen Edward zu einer Pflegefamilie nach Wales schickt. Er wurde zu einem sogenannten "Waisen des Raj", zu einem jener Kinder britischer Kolonialbeamter, die als Kleinkinder "nach Hause" verschifft wurden, um dort eine britische Erziehung genießen zu dürfen. Ein untadeliger Mann umspannt nahezu das ganze 20. Jahrhundert. Gardam gelingt es dabei, mehrere Zeitebenen mühelos miteinander zu verweben und kreiert so einen in die Tiefe gehenden Roman (obwohl Filth oder inzwischen Old Filth und seit er im Ruhestand war, oft sogar Good Old Filth alles andere als ein Sympath ist). Sie schreibt dabei direkt und indirekt über das Alter und über den Lebensabschnitt eines Menschen in dem ihm wenig Zeit vor sich bleibt, aber viel Zeit zum Zurückblicken und Nachdenken. Als seine Frau Betty stirbt, begibt sich Filth noch mal auf eine Reise durch England, zu den Wurzeln seiner Kindheit als Raj-Waise. Die Leserin gewinnt den Eindruck eines nach außen reichen Lebens, dass innerlich doch zerrissen bleibt. Jane Gardam ist eine begnadete Erzählerin - ohne weiteres mit Alice Munro und Jane Austen zu vergleichen. Lest Jane Gardam!