José Eduardo Agualusa: Eine allgemeine Theorie des Vergessens

Es ist eine äußerst ungewöhnliche Geschichte, die Agualusa auf 188 Seiten in seinem Roman „Eine Allgemeine Theorie des Vergessens“ erzählt. Und sie soll auf wahren Begebenheiten beruhen.1975 begann, noch kurz vor der Unabhängigkeit der portugiesischen Kolonie, der angolanische Bürgerkrieg, der mit einigen Unterbrechungen bis 2002 andauerte. Immer mehr entwickelte sich der blutige Konflikt aber zu einem Stellvertreterkrieg zwischen dem Westen und Südafrika auf der einen und dem Ostblock und Kuba auf der anderen Seite. Das ist auch das Schicksalsjahr für die Protagonistin Ludovica. Mit ihrer Schwester Odete, die einen vermögenden Diamantenhändler geheiratet hat, siedelte diese einst von Portugal nach Angola um. Die Eingewöhnung fiel besonders Ludo sehr schwer. Da sie aber nach einem traumatischen Jugenderlebnis, von dem man erst im Laufe des Romans erfährt, von der Schwester abhängig lebt, gab es für sie keine Alternative. Zurückgezogen in einem komfortablen Hochhausappartment mit Dachterrasse, ausgestattet mit einer ausgeprägten Agoraphobie, lebt sie ganz zurückgezogen bei Odete und ihrem Mann Orlando. Als diese eines Tages plötzlich verschwinden und kurz darauf ein Überfall auf die Wohnung stattfindet, bei dem Ludo einen der beiden Angreifer erschießt, entgleist ihr Leben. Anstatt die Polizei zu rufen, der sie misstraut, oder in die Öffenlichkeit zu gehen, vor der sie sich fürchtet, mauert sich Ludo in ihrer Wohnung im wahrsten Sinne ein, lebt über 30 Jahre von gehorteten Vorräten, auf der Dachterrasse angebautem Gemüse, von „heraufgeangelten“ Hühnern und gefangenen Tauben. Feuer macht sie mit den Möbeln, später dann mit den vielen hundert Büchern der Bibliothek, die ihr vorher neben einem alten Radio die einzige Unterhaltung waren. Ihre Gedanken, Gefühle und Beobachtungen schreibt sie in unzählige Notizhefte und als diese aufgebraucht sind, dann an die Wände der Wohnung. So vergehen die Jahre des Bürgerkriegs, den sie nur beobachtet, genau wie die Veränderungen im Haus. Bis eines Tages ein kleiner Straßenjunge den Zugang zu Ludos verborgenem Reich entdeckt und sich das Leben für die beiden grundlegend verändert.

Ein guter Schuss Magie liegt in der Geschichte. Ein poetischer Roman der aus verschiedenen Erzählstimmen, Notizen, Briefen, Berichten, ungewöhnlichen Charakteren und wundersamen Einfällen zusammengesetzt ist: berührend und schelmenhaft und zugleich sehr spannend und handlungsreich. 

Daniel de Roulet: Zehn unbekümmerte Anarchistinnen

Limmat Verlag  978-3857918391  24,00 €

Saint Imier, ein kleines Dorf im Schweizer Jura. 1872 findet hier der Kongress der Anarchisten statt.

Die Antiautoritäre Internationale wird gegründet. Zehn junge Frauen aus der ärmlichen Region begeistern sich für die anarchistischen Ideen. Sie beschließen, gemeinsam nach Südamerika zu gehen, um dort die Vorstellungen von einem herrschaftsfreien Leben zu verwirklichen. Sie erhalten 1873 in Brest eine Passage nach Patagonien auf einem Schiff der französischen Kriegsmarine.

Es deportiert 184 Kommunarden sowie 40 Kommunardinnen, die in Paris auf den Barrikaden gekämpft hatten, in die Strafkolonie nach Neukaledonien. Mit einer der Kommunardinnen, mit Louise Michel, freunden sich die Frauen an und diskutieren mit ihr über die Vorstellungen einer besseren Welt.

Nach einer beschwerlichen Reise erreichen die Frauen den Ort Punta Arenas an der Magellanstrasse. Nach einigen Jahren stellen sie fest, dass sie hier ihrem Ziel, ein gutes und herrschaftsfreies Leben zu führen, nur bedingt näher gekommen sind. Also entscheiden sie, weiterzuziehen, machen Station auf einer Insel vor Chile und reisen dann weiter nach Buenos Aires. Auf all diesen Wegen bleibt eine nach der anderen zurück, bis nur noch eine übrigbleibt: Valentine Grimm. Sie wird diese Geschichte erzählen.

08.05.2018

Arno Geiger: Unter der Drachenwand

Hanser Verlag - ISBN 978-3-446258129 - Preis: 26,00


Veit Kolbe ist Student auf Urlaub. Durch ihn und mit ihm erfahren wir von der Situation der Menschen am Mondsee, unter der Drachenwand, in den 40er Jahren des Letzten Jahrhunderts – mitten im 2.Weltkrieg.

Im österreichischen Ort treffen die unterschiedlichsten Menschen aufeinander.

Sie müssen diese Zeit im Krieg miteinander, auch oft gegeneinander, überleben. Veit Kolbe ist aufgrund psychischer und physischer Probleme auf Urlaub vom Krieg – ein in jeder Hinsicht Verwundeter.

Und die Leserin nimmt er mit, mit zu der Einsamkeit der Menschen im Krieg, mit zu dem Überlebenswillen der Menschen. Gleichzeitig der Versuch sich mit anderen zu verbinden, was aber – die Kriegssituation macht die Menschen misstrauisch – schwierig bleibt.

Wir lernen Mädchen kennen, die auf Kinderlandverschickung sind und die Sehnsucht nach Leben in Briefen äußern. Die ekelhafte Hauswartefrau, die allen das Leben schwer macht, kennt man ihre Geschichte, wird man nachsichtiger, der „Brasilianer, der Polizist ...

Arno Geiger hat aus Tagebuchaufzeichnungen und Briefen ein beeindruckendes Kaleidoskop vom „Menschen im Krieg“ entwickelt.

Der Impuls, einen Roman zu lesen, indem die Hauptfigur ein verwundeter österreichischer Soldat im 2.Weltkrieg ist, war bei mir erst mal gering. Aber der Autor ist Arno Geiger. Und er schafft es, die Fronterlebnisse des Soldaten Veit Kolbe in sachlichem Ton zu erzählen – nicht heroisch und nicht klebrig. Es könnte sich lohnen. Und er Roman hat mich sehr davon überzeugt, dass es möglich ist, mit Empathie zu porträtieren. Keine der Figuren gerät in einen Schwarz-Weiß-Modus. Beklemmung und auch Glück werden atmosphärisch dicht beschrieben. Als Leserin sitzt man dabei.

Arno Geiger erweckt Zeit und Menschen zum Leben. Ein meisterlicher Roman – unbedingt lesenswert.