08.05.2018

Arno Geiger: Unter der Drachenwand

Hanser Verlag - ISBN 978-3-446258129 - Preis: 26,00


Veit Kolbe ist Student auf Urlaub. Durch ihn und mit ihm erfahren wir von der Situation der Menschen am Mondsee, unter der Drachenwand, in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts – mitten im 2.Weltkrieg. Im österreichischen Ort treffen die unterschiedlichsten Menschen aufeinander. Sie müssen diese Zeit im Krieg miteinander, auch oft gegeneinander, überleben. Veit Kolbe ist aufgrund psychischer und physischer Probleme auf Urlaub vom Krieg – ein in jeder Hinsicht Verwundeter. Und die Leserin nimmt er mit, mit zu der Einsamkeit der Menschen im Krieg, mit zu dem Überlebenswillen der Menschen. Gleichzeitig der Versuch sich mit anderen zu verbinden, was aber – die Kriegssituation macht die Menschen misstrauisch – schwierig bleibt. Wir lernen Mädchen kennen, die auf Kinderlandverschickung sind und die Sehnsucht nach Leben in Briefen äußern. Die ekelhafte Hauswartefrau, die allen das Leben schwer macht, kennt man ihre Geschichte, wird man nachsichtiger, der „Brasilianer, der Polizist ... Arno Geiger hat aus Tagebuchaufzeichnungen und Briefen ein beeindruckendes Kaleidoskop vom „Menschen im Krieg“ entwickelt. Der Impuls, einen Roman zu lesen, indem die Hauptfigur ein verwundeter österreichischer Soldat im 2.Weltkrieg ist, war bei mir erst mal gering. Aber der Autor ist Arno Geiger. Und er schafft es, die Fronterlebnisse des Soldaten Veit Kolbe in sachlichem Ton zu erzählen – nicht heroisch und nicht klebrig. Es könnte sich lohnen. Und der Roman hat mich sehr davon überzeugt, dass es möglich ist, dies mit Empathie zu porträtieren. Keine der Figuren gerät in einen Schwarz-Weiß-Modus. Beklemmung und auch Glück werden atmosphärisch dicht beschrieben. Als Leserin sitzt man dabei. Arno Geiger erweckt Zeit und Menschen zum Leben. Ein meisterlicher Roman – unbedingt lesenswert.