10.08.2017

Maxi Obexer : Europas längster Sommer

Verbrecher Verlag - ISBN: 978-3-95732-271-5 - Preis: 19,00


Die Schiffskatastrophen im Mittelmeer waren noch gar kein Thema in den deutschsprachigen Medien, da schrieb Maxi Obexer schon eindringlich über die Migration nach Europa - in Form ihrer honorierten Theaterstücke und Hörspiele. Jetzt blickt sie mit ihrem neuen Essay „Europas längster Sommer“ aus persönlicher Perspektive auf das Aus- und Einwandern von Menschen. Sie selbst ist nach Berlin migriert und stammt aus Brixen, Südtirol/Italien.

Sechs junge Männer sitzen Maxi Obexer im Zug Verona-München Richtung Kerneuropa gegenüber. Sie sind gleich als außereuropäische Migranten erkennbar. Der Brenner ist zum Nadelöhr Europas geworden. „Ob diese Jungs irgendwann Deutsche sind, hängt auch davon ab, wie ein Staat, wie Deutschland sich selbst erzählt.“ Was unterscheidet diese Menschen, die von außerhalb nach Europa kommen wollen, von denjenigen, die innerhalb Europas die Länder wechseln - so wie sie selber? Was bedeutet es, zu gehen, anzukommen, aufgenommen zu werden - oder auch nicht.

Maxi wird ins Bürgeramt berufen; die anderen, die Nicht-EuropäerInnen, müssen auf die Ausländerbehörde. „Ich blicke auf die Freizügigkeitsbescheinigung in meiner Hand. In meinen Ohren klang das wie die launische Aufforderung: „Zieh frei und zügig weiter“, gerichtet an eine freizügige Person, die, wenn sie ihren Mantel öffnet, darunter nur Unterwäsche herzeigt.“ Schließlich beantragt sie die deutsche Staatbürgerschaft. „Wozu das denn?“, fragt eine Freundin. Und ihr aus Bayern stammender Literaturprofessor schaut sie mit aufgerissenen Augen an: „`Du? Migriert? Womöglich willst du dann auch noch eine Migrantin sein! Ha! (…)Dann kann ja jeder ein Migrant sein! Ha! Dann bin ich auch einer!` (…) Wenn der Professor mir jede Migration absprach, dann vielleicht, weil er das Land in das er mich mit einem Handstrich zurückverwies, noch immer zu Deutschland zählte? (…) Viele deutsche Touristen tun das. Und sie werden nicht deutsche Touristen genannt, sondern die „Urlauber“. Manche gucken verdutzt, wenn ihnen in der Bankfiliale gesagt werden muss, dass das Konto, das sie eröffnen, ein Auslandskonto ist. Warum Ausland? Für die deutschen Urlauber sind die Italiener die Ausländer im Land.“

Wo liegen die Unterschiede zwischen den verschiedenen MigrantInnengruppen? Maxi Obexer stellt pointiert die Mehrklassengesellschaft der Migration dar und verwebt dabei ihre eigenen Lebensfragen zur Einwanderung mit universellen Fragen der Menschenrechte. So nebenbei schreibt sie über ihr Coming Out als Lesbe, die fortwährenden Einschluss- und Ausschlussmechanismen, Heteros/Nicht-Heteros, Deutsche/Nicht-Deutsche, Einheimische/Dazugezogene. Vor allem konstatiert sie, woran es Europa mangelt:

 „Keine europäische Nation gedenkt offiziell derer, die in sie eingewandert sind“.

In „Europas längster Sommer“ beschreibt Maxi Obexer die wackelige Idee Europa und das Wandern der Menschen. Sie schreibt unterhaltsam, persönlich, gescheit - und immer menschenfreundlich.