12.06.2017

Olga Grjasnowa : Gott ist nicht schüchtern

Aufbau Verlag - ISBN: 978-3-351-03665-2 - Preis: 22,00


Olga Grjasnowa ist eine der aufregendsten deutschen Autorinnen. Sie hat endlich wieder einen neuen Roman geschrieben. Grjasnowa folgte dabei ihrer Lektorin vom Hanser zum Aufbau Verlag. „Gott ist nicht schüchtern“ hat auf der einen Seite sehr viel gemeinsam mit ihren beiden Erstlingswerken („Der Russe ist einer der Birken liebt“ und „Die juristische Unschärfe einer Ehe“), auf der anderen Seite offenbaren sich interessante Unterschiede.
Grjasnowa schreibt wieder gesellschaftspolitisch relevant und mit einer Dringlichkeit, die ihre Leserinnen lieben. Hingegen wählt sie dieses Mal eine ganz andere Sprache und Ausdrucksweise: weg vom emotionalen, persönlichen Ton, weg von expressiven Beschreibungen und „stream of consciousness“ hin zu nüchternen Schilderungen, Distanz wahrend, fast reportageartig. Diese Stilmittel werden verständlich, wenn die Leserin sich dem Inhalt widmet: Grjasnowa beschreibt in „Gott ist nicht schüchtern“ die Flucht eines Syrers und einer Syrerin aus ihrem kriegsgebeutelten Land. Die beiden gehören der syrischen Oberschicht an und schaffen es – auch dank ihrer finanziellen Rücklagen – bis nach Berlin. Grjasnowa beschreibt die Erschütterung des Krieges detailliert und blickt schonungslos auf die Leben der beiden ProtagonistInnen: auf den jungen Hammoudi, der gerade sein Medizinstudium beendet und eigentlich seine Stelle in Paris antreten möchte. Nur kurz kehrte er nach Damaskus zurück und endete in den Kriegswirren; und auf Amal, die Erfolge als Schauspielerin feiert und ein Engagement in einer syrischen TV-Koch-Show bekommen hatte. Amal wird im Ozean treiben und Hammoudi wird versuchen, mit hunderten Fremden auf einem kleinen Schlauchboot auf Lesbos zu stranden. Es wird deutlich, dass sie bewusst diese schnörkellosen Sätze wählt, um die harte Realität zu beschreiben. Wie anders die Brutalität des Krieges einfangen? Sie schafft mit diesem knappen Ton ein erzählerisches Glanzstück - ein ergreifendes Zeitdokument zwischen Fakt und Fiktion. Absolut lesenswert!