04.04.2017

Hanya Yanagihara : Ein wenig Leben

Hanser Berlin - ISBN: 978-3-446-25471-8 - Preis: 28,00


Zugegeben, der Roman hätte auch 200 Seiten weniger vertragen.
Zugegeben, manchmal ist es kitschiger amerikanischer Lifestyle.
Zugegeben, es könnte 30 mal der Satz „es tut mir leid“ gestrichen werden.

Aber, wer sich von diesem Buch in seinen Bann ziehen lässt, kann leider nicht mehr aufhören, sich durch die 960 Seiten zu lesen.
Worum geht es: "Ein wenig Leben" handelt von der lebenslangen Freundschaft zwischen vier Männern in New York, die sich am College kennen lernen. Jude St. Francis ist die charismatische Figur der Gruppe und dann gibt es Willem, einen Schauspieler, Malcolm, einen Architekten und  J.B., einen Künstler. Ein fantastisch erzählter Roman, der auch vom amerikanischen Luxusleben der jungen Männer erzählt, aber in den bereits zu Beginn zarte dunkle Fäden der Vergangenheit eingewebt sind.

Mit zwanzig muss man sehen, wo man unterkommt – da hat man vielleicht noch Kakerlaken in der Wohnung. Aber mit dreißig haben alle ihr Ziel erreicht – beruflich jedenfalls. Im Grunde sind auch die biographischen Hintergründe der Freunde erzählt. Nur die Herkunft von Jude bleibt länger im Dunkeln. Erst in der zweiten Hälfte des Buches wird das ganze Ausmaß des Leidens, die erbarmungslose Gewalt der Jude ausgesetzt ist, deutlich. Unerträglich bisweilen, die Beschreibungen der Selbstverletzungen, fast unerträglich seine Geschichte der schweren sexuellen Misshandlungen durch Erziehungsberechtigte in Waisenhaus und Kloster.

Durch die sehr intensiven Schilderungen der ständigen Selbstverletzung begreift man die Entlastung, die er in diesen Momenten erlebt. Jude ist gar nicht in der Lage zu sprechen, zu sprechen über die Gewalterfahrung. Auch das ist dem erzählerischen Talent von Hanya Yanagihara zu verdanken, dass durch die oft bildliche Sprache der Weg seines Lebens beschrieben werden kann.  

Es gibt kaum Familiengeschichten im Roman – keiner von ihnen hat Kinder in die Welt gesetzt. Und das ist auch gewollt. Hanya Yanagihara wollte von Elementschaftsbeziehungen erzählen – freiwillige Bindungen, die getragen sind vom Zuneigung, Verantwortung und Respekt.

Der Roman erstreckt sich über fast vierzig Jahre Lebenszeit. Innerhalb dieser Zeit wird nichts berichtet von Nine Eleven, vom politischen oder kulturellen Leben in Amerika und das ist auch nicht vorgesehen.

Es geht um die Freundschaftsgeschichte dieser vier Männern und die ist ganz besonders gut erzählt.