28.11.2016

Didier Eribon: Rückkehr nach Reims

Suhrkamp Verlag - ISBN: 978-3-518-07252-3 - Preis: 18,00


Didier Eribon: Rückkehr nach Reims

Didier Eribon – ein französischer Soziologe, hat 2009 ein Buch veröffentlicht, welches 2016 in deutsch bei Suhrkamp erschienen ist und den Titel „Rückkehr nach Reims“ trägt. Nun erfreuen sich französische Soziologen nicht unbedingt großer Beliebtheit beim deutschen Publikum – das hat sich allerdings mit diesem Buch geändert.Der interessierten Leserin ist Eribon vielleicht durch seine Foucault Biografie bekannt.

Eribon kehrt zurück, nach dem Tod des Vaters, zurück in die Stadt seiner Geburt: Reims. Früh hat er sie hinter sich gelassen und vermeintlich mit diesem Kapitel, den ersten Jahren seines Lebens, abgeschlossen. Aber, wie man oft erst in späteren Jahren bemerkt, entkommt man der Herkunftsfamilie nur bedingt. Als schwuler Mann verhält er sich so wie viele, raus aus der Enge der Kleinstadt – hier eine Arbeiterstadt – rein in die Großstadt Paris.

Eine erstaunliche Biografie, aus dem Arbeitermilieu stammend und schwul, das verspricht nicht gerade einen direkten Weg ins intellektuelle Milieu von Paris.

Er bemerkt dieses Unbehagen oder diese Verleugnung, wenn es um Fragen der Herkunft geht. Aber so viel er sich mit Fragen der sexuellen Scham befasst, so wenig beschäftigt er sich mit Fragen der sozialen Scham. Das geschieht erst viel später. Die Verwobenheit dieser zwei Konstellationen ist in Rückkehr nach Reims Gegenstand der Untersuchung.

„Warum habe ich, der ich so viel über Mechanismen der Herrschaft geschrieben habe, kaum etwas zur sozialen Herrschaft geschrieben?« Und: »Warum habe ich, der ich dem Schamgefühl im Prozess der Emanzipation und Unterwerfung [le processus de l’assujettissement et de la subjectivation] eine so große Bedeutung beigemessen habe, so gut wie gar nichts zur sozialen Scham geschrieben?«

Ich dürfte die Frage sogar in diesen Worten formuliert haben: »Warum bin ich, der ich so große soziale Scham empfunden habe, Herkunftsscham, wenn ich in Paris Leute aus ganz anderen sozialen Milieus kennenlernte und sie über meine Klassenherkunft entweder belog oder mich zu dieser nur in größter Verlegenheit bekannte, warum also bin ich nie auf die Idee gekommen, dieses Problem in einem Buch oder Aufsatz anzugehen?« „

Zeit-Interview vom 06.Juli 2016

Das interessante an diesem Buch ist, dass er von einer persönlichen Biografie zu einer gesellschaftlichen Analyse kommt. Was ist das, was seine Familie in die Arme des “Front National“ treibt, die, die früher die kommunistische Partei gewählt haben? Was ist das: politische Notwehr? Ging es früher Arbeiter_innenklasse gegen Bourgeoisie, ist es heute Franzos_innen gegen Ausländer_innen? Diese Art der autobiografischen Analyse, die sich selber mitnimmt, sorgt für Präzision.

Er konstatiert, dass es die alte Allianz zwischen Arbeiterklasse und anderen Teilen der Bevölkerung nicht mehr gibt. Der Neoliberalismus hat sich weit ausgebreitet. Und seiner Mutter ist klar, dass sie gegen ihre Interessen stimmt – sie tut es aber trotzdem, es gibt keine Alternative für sie.

Das Buch schildert nicht nur den schwierigen Weg eines schwulen Fabrikarbeitersohnes zu einem bedeutenden Soziologen, sondern unternimmt auch den Versuch, die Erfolge des Front National zu analysieren. Eribon versucht, mit all diesen Paradoxien umzugehen, ohne zu kapitulieren.