30.10.2016

Christoph Hein: Glückskind mit Vater

Verlag: Suhrkamp - ISBN: 978-3-518-42517-6 - Preis: 22,95 EUR


Christoph Hein: Glückskind mit Vater

In Christoph Heins neuem Roman bestätigt sich der Satz, dass wir unserer Herkunft nur bedingt entfliehen können. Glückskind mit Vater heißt der Roman: so wie er das Glückskind seiner Mutter ist, sie ist hochschwanger am Ende des Krieges und ein russischer Soldat nimmt sie nicht mit, aber der Vater, ein Kriegsverbrecher. Ein Nazibonze, der Besitzer der Vulkono-Werke, nach dem Krieg per Schnellgericht von den Polen hingerichtet. Konstantin Boggosch ist zeitlebens auf der Flucht vor seinem Vater, er kannte ihn nicht, er wird 1945 geboren, aber er klebt förmlich an ihm. Der Vater ist das Pech seinen Lebens, und er klebt auch wie Pech an ihm. Er geht mit 14 Jahren weg aus der DDR oder aus der Ostzone, wie das damals hieß, es war möglich, und das auch eine sehr interessante Passage des Buches: was vor dem Mauerbau alles möglich war. Marseille wird sein Sehnsuchtsort, er möchte zur Fremdenlegion, dort will man den Jungen nicht. Sein Faustpfand sind seine Sprachkenntnisse. Er kommt unter in einem Antiquariat – es gehört einem Menschen der in der Résistance gekämpft hat. Der Besitzer und seine Freunde kümmern sich um den Boche, ermöglichen ihm Schulbildung und Unterkunft. Sie wissen nicht, dass sein Vater ein Kriegsverbrecher ist. Kurz vor dem Mauerbau kehrt er zurück in den Osten Deutschlands. Er kann mit diesem Gefühl der Schuld in Frankreich nicht mehr leben. Schwierig ist es, in der DDR wieder anzukommen, es herrscht ungeheure Angst vor Spitzeln und Agenten jeglicher Couleur. Außerdem kehren die meisten nicht zurück, sondern hauen ab. Der Versuch, an der Filmhochschule angenommen zu werden, scheitert – auch dort möchte man keinen Sohn eines Kriegsverbrechers. Er entkommt dem Vater nicht, obwohl er den Mädchennamen der Mutter trägt. Auch der Vater seiner zukünftigen Frau, ihm sehr zu getan, kann ihm wenig Hoffnung machen: wenn es eine Akte gibt und es gibt eine bist du gebrandmarkt. Man kann eine Akte für kurze Zeit verschwinden lassen – aber eben nur für kurze Zeit. Es dauert lange, bis Konstantin, der es schließlich bis zum Direktor eines Provinzgymnasium schifft, einsieht, dass Flucht aus der eigenen Geschichte nicht möglich ist. 60 Jahre deutsche Geschichte – mit einen Abstecher nach Frankreich – werden der Leserin nahe gebracht. Meist ist es ostdeutsche Geschichte, die einen von den administrativen Gepflogenheiten allerdings sehr vertraut vorkommt. Der Zeit, in der es um die Intrigen mit den Lehrerkolleg_innen geht, ist ein wenig langatmig und nicht sehr interessant. Aber insgesamt ein spannendes Buch über deutsche Geschichte bis 1989. Und noch eine Erkenntnis zum Schluss: In jeder Gesellschaft gibt es diese Typen, in der Regel Männer, die überall „zurechtkommen“, die einfach nur den eigenen Vorteil im Kopf haben. Diese Art der Verkommenheit gibt und gab es überall: hüben wie drüben.