30.10.2016

Sacha Batthyany: Und was hat das mit mir zu tun?

Verlag: Kiepenheuer & Witsch - ISBN: 978-3-462-04831-5 - Preis: 19,99 EUR


Sacha Batthyany: Und was hat das mit mir zu tun?

Im Oktober 2007 schreibt die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" über ein schreckliches Ereignis: Gräfin Margit Batthyany-Thyssen veranstaltet kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges im März 1945 ein rauschendes Fest auf ihrem österreichischen Schlossgut in Rechnitz - 180 Juden sollen währenddessen in den Stall des Gutes gelockt und von SS-Leuten erschossen worden sein, Sasha Batthyanys Tante Margit angeblich mittenmang. Sasha Batthyany, geboren 1973, arbeitet als Journalist u.a. für die Neue Zürcher Zeitung und Die Süddeutsche. Sein Name Batthyany stand einmal für alten ungarischen Adel. Eine Kollegin konfrontierte ihn nach Erscheinen des FAZ-Artikels‚ Gastgeberin der Hölle' über seine Tante: "Was hast du denn für eine Familie?". Sasha Batthyany war schockiert - von Tante Margits möglicher Mordlust hatte er noch nie gehört. Er beginnt eine Reise in die Geschichte seiner Familie, der Batthyanys, auch mit der Leitfrage, die ihm Maxim Biller stellte: "Und was hat das mit dir zu tun?". Genau das versucht Batthyany herauszufinden. Zu Anfang ist er ratlos. Er beginnt nach Antworten zu suchen, er versetzt sich in die Gedankenwelt des alten, adeligen Ungarn und in das Österreich der Nachkriegszeit, in die Schweiz heute - wo seine Familie nach dem Krieg eine neue Heimat fand. Er recherchiert vor Ort in Sibirien, wo sein Vater im Gulag als Zwangsarbeiter schuftete, er begibt sich auf die Couch eines Psychoanalytikers und besucht eine KZ-Überlebende in Buenos Aires. Es stellt sich heraus, dass seine Großmutter rege Tagebuch geführt hat, auch darüber, wie sie mitbekam als die Dorfjuden in die Konzentrationslager getrieben wurden. Die Großmutter befielen Schuldgefühle. Die Batthyanys meinten es doch gut mit den Mandls, den jüdischen Besitzern des Dorfladens. Eine ihrer Fragen hallt in Sasha Batthyanys Recherchen nach: "´Wenigstens die Mandls…` hätte sie retten können… Und ich, wie hätte ich gehandelt?", fragt sich Sasha. "Und Großmutter, war sie so schlimm wie Tante Margit?" Das Buch schafft vieles, sehr vieles: eine ungewöhnliche Familiengeschichte zu erzählen, einen präzisen Blick auf Geschichte zu werfen, fast kriminalistisch die Ereignisse um "Tante Margit - das Monster" darzustellen und zu verdeutlichen, wie Eigenarten von Generation zu Generation weitergegeben werden können. Dass es ein Familienerbe gibt: Sashas eigene Familiendiagnose fällt ernüchternd und ernüchtert aus: "Wir sind keine Familie von Helden, wir sind eine Familie von Maulwürfen". Batthyany fragt gegen Ende sich und seine Leser_Innen: "Wir sind zwar keine Wärter und führen keine Verhöre, wir lassen auch niemanden erschießen, aber wie handeln wir in Auseinandersetzungen, die weit weniger bedrohlich sind als Kriege? Im Büro zum Beispiel, wenn wir gut dastehen wollen? Sind wir aufrichtig genug, Wahrheiten anzusprechen, auch die unbequemen? Haben wir Menschen geschützt, die von unseren Chefs gemobbt wurden - oder haben wir nur danebengestanden wie die Passanten in Budapest, als man die Juden in der Donau ertränkte, oder hätten wir geschwiegen wie unsere Großmutter? Hätten wir das Risiko auf uns genommen? Nehmen wir überhaupt je Risiken in Kauf? Wer denn? Wofür?"